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Mehr Paarzeit ist nicht automatisch mehr Nähe

Ich höre von Paaren ständig denselben Satz: Wir brauchen einfach mal wieder mehr Zeit füreinander. Ich verstehe gut, was damit gemeint ist. Trotzdem stelle ich meistens eine andere Frage, bevor jemand den Babysitter organisiert. Denn ihr könnt drei Stunden essen gehen und euch trotzdem nicht wirklich begegnen.

Paar beim Abendessen mit Wein, gemeinsame Zeit ist noch keine Nähe

Definition

Paarzeit beschreibt gemeinsame Zeit, in der zwei Menschen nicht organisieren, sondern sich begegnen. Sie unterscheidet sich von einfach nur gemeinsam verbrachter Zeit dadurch, dass beide präsent sind, Interesse aneinander zeigen und über etwas anderes sprechen als über Absprachen.

Kurz erklärt

Mehr Paarzeit führt nicht automatisch zu mehr Nähe. Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden ihr miteinander verbringt, sondern was in dieser Zeit zwischen euch passiert. Wer seine gewohnten Muster mit in den freien Abend nimmt, verbringt gemeinsame Zeit, ohne sich zu begegnen.

Fünf Merkmale, an denen viele Paare echte Paarzeit erkennen

  1. 1Präsenz: Beide sind wirklich da, nicht halb im Kopf beim nächsten Termin.
  2. 2Berührung: Es gibt Körperkontakt, der nichts erledigen muss.
  3. 3Interesse: Es wird nachgefragt, weil einen die Antwort wirklich interessiert.
  4. 4Leichtigkeit: Es darf gelacht werden, ohne dass gleich das nächste Thema kommt.
  5. 5Ehrlichkeit: Es wird auch das gesagt, was gerade unbequem ist.
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Das Problem steckt in dem kleinen Wort „einfach"

Wir brauchen einfach wieder mehr Zeit füreinander. In diesem Satz klingt es so, als wäre Zeit die fehlende Zutat und alles andere schon vorhanden.

Mehr Zeit kann tatsächlich helfen. Aber wenn ihr eure alten Muster mit in diese Zeit hineinnehmt, entsteht daraus nicht automatisch Verbindung. Der Abend im Restaurant wird dann zu dem, was der Küchentisch zu Hause auch schon war: Absprachen, Organisation, ein bisschen höfliches Nebeneinander.

Ich sehe das oft bei Paaren, die viel richtig machen. Sie planen einen Abend, sie nehmen sich das Wochenende frei, sie fahren sogar weg. Und danach sitzen sie bei mir und sagen: Es war schön. Aber näher sind wir uns nicht gekommen.

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Funktionieren ist noch keine Verbindung

Viele Paare, die zu mir kommen, funktionieren erstaunlich gut. Der Haushalt läuft, die Kinder sind versorgt, die Termine sind verteilt, im Urlaub klappt die Logistik. Von außen sieht das nach einem eingespielten Team aus.

Genau das ist der wunde Punkt. Ein Paar kann ein großartiges Elternteam sein und sich trotzdem als Liebespaar verlieren. Diese beiden Rollen brauchen unterschiedliche Dinge. Das Team braucht Absprachen. Das Liebespaar braucht Begegnung.

Wenn nur noch das Team gepflegt wird, fällt das lange gar nicht auf. Es gibt keinen Streit, es gibt keinen Bruch, es funktioniert ja. Auffällig wird es erst, wenn einer von beiden merkt, wie sehr ihm etwas fehlt. Wie das schleichend passiert, beschreibe ich ausführlicher unter emotionale Distanz in Beziehungen.

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Die Frage, die ich stattdessen stelle

Bevor ein Paar den nächsten gemeinsamen Abend plant, frage ich lieber: Wann habt ihr euch das letzte Mal wirklich verbunden gefühlt? Und was war da anders?

Die Antworten sind fast nie spektakulär. Es ist selten das teure Essen. Es ist der Moment nachts in der Küche, als beide nicht mehr schlafen konnten. Der Spaziergang, bei dem ein Gespräch entstanden ist, das keiner geplant hatte. Die halbe Stunde im Auto, in der niemand ans Handy ging.

Wenn ihr diese Momente anschaut, wird sichtbar, was ihr eigentlich braucht, damit zwischen euch Verbindung entsteht. Und darum geht es bei den folgenden Übungen.

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Übung 1: Eure eigenen Paarzeit-Kriterien

Diese Übung mache ich am häufigsten, weil sie den Denkfehler direkt aufbricht.

Setzt euch getrennt hin. Jeder von euch schreibt fünf Kriterien auf, an denen er persönlich merkt, dass gemeinsame Zeit wirklich Paarzeit war.

**Wichtig ist die Art der Antwort.** Nicht „Restaurant", nicht „Kino", nicht „zwei Stunden". Das sind Rahmenbedingungen, keine Kriterien. Gemeint ist das, was zwischen euch passiert sein muss: Präsenz, Berührung, echtes Interesse, Leichtigkeit, Ehrlichkeit, ein Gespräch, in dem es einmal nicht um Organisation ging.

Danach tauscht ihr die Listen. Erwartet nicht, dass sie gleich aussehen. Sehr oft steht bei einem etwas völlig anderes als beim anderen, und genau das ist die eigentliche Information. Redet darüber, statt zu bewerten.

Am Ende sucht ihr euch zwei bis drei Kriterien aus, die für euch beide zählen. Das sind ab jetzt eure Kriterien. Wenn ihr das nächste Mal Zeit miteinander plant, plant ihr nicht mehr nur den Rahmen, sondern das, was darin passieren soll.

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Übung 2: Die Schatzkiste

Diese Übung passt gut zur ersten und funktioniert auch dann, wenn gerade viel Frust im Raum steht.

Jeder von euch erinnert sich an fünf Situationen, in denen echte Verbindung da war. Es dürfen kleine sein. Sie dürfen lange her sein.

Der entscheidende Teil kommt danach. Fragt euch nicht nur, was ihr damals gemacht habt. Fragt euch: Was war damals zwischen uns anders? War einer entspannter? Hat einer zugehört, ohne gleich eine Lösung anzubieten? War Zeit da, die niemandem gehörte?

Aus diesen Antworten entsteht meistens etwas sehr Praktisches. Ihr müsst nämlich nicht erfinden, was bei euch Nähe schafft. Ihr wisst es schon. Es ist nur in den Hintergrund gerutscht.

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Übung 3: Bewahren, verändern, verabschieden

Die dritte Übung ist die ehrlichste der drei, deshalb würde ich sie nicht als erste machen.

Jeder von euch schreibt getrennt drei Listen mit je fünf Punkten auf. Erstens: Was möchte ich an uns bewahren und stärken? Zweitens: Wovon möchte ich mich verabschieden? Drittens: Was soll sich verändern?

Dann besprecht ihr die Listen miteinander. Fangt mit dem Bewahren an. Das ist keine Höflichkeit, sondern der Grund, warum das Gespräch danach überhaupt tragfähig ist.

Bei den anderen beiden Listen gilt: Es geht um Beschreibung, nicht um Anklage. „Ich möchte mich davon verabschieden, dass wir jeden Abend nebeneinander am Handy sitzen" ist etwas anderes als „Du bist immer am Handy". Wenn euch das schwerfällt, hilft der Beitrag über Gefühle sprechen lernen weiter.

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Wenn die Übungen ins Leere laufen

Manchmal merkt ein Paar bei diesen Übungen, dass es um mehr geht als um die Frage, wie ein Abend gestaltet wird.

Wenn einer von euch gar keine Situation mehr findet, in der Verbindung da war. Wenn jedes Gespräch über Nähe sofort in einen Streit kippt. Wenn einer sich zurückzieht, sobald es persönlich wird. Dann liegt darunter etwas anderes, und mehr Paarzeit allein wird das nicht auflösen.

Dazu passen die Beiträge 7 Warnsignale, wenn die Nähe verloren geht und wenn der Partner keine Nähe mehr will. Und wenn ihr das Gefühl habt, ihr dreht euch seit Monaten im Kreis, ist das ein guter Zeitpunkt für Begleitung von außen.

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Fazit

Nicht entscheidend ist, wie viel Zeit ein Paar miteinander verbringt, sondern was zwischen beiden in dieser Zeit stattfindet.

Das ist übrigens eine gute Nachricht für alle, die wenig Zeit haben. Ihr müsst nicht auf das freie Wochenende warten, das sowieso nicht kommt. Zwanzig Minuten, in denen ihr eure eigenen Kriterien erfüllt, bringen euch weiter als ein durchorganisierter Abend, an dem beide innerlich woanders sind.

Wenn ihr danach weiterarbeiten möchtet, findet ihr konkrete Alltagsschritte unter Nähe in der Beziehung wiederherstellen.

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Dieser Artikel basiert auf den Prinzipien der Holfeld Methode – dem therapeutischen Ansatz, mit dem Anna Holfeld seit über 15 Jahren Paare begleitet. Erfahre mehr zur Methode

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Häufige Fragen

Weil ihr eure gewohnten Muster mit in diese Zeit nehmt. Wenn ihr zu Hause hauptsächlich organisiert und nebeneinander herlebt, passiert im Restaurant meistens dasselbe, nur teurer. Zeit ist der Rahmen. Nähe entsteht durch das, was in diesem Rahmen zwischen euch passiert.
Am besten daran, dass ihr eure eigenen Kriterien dafür festgelegt habt. Häufig genannt werden: Beide waren präsent, es gab Berührung, es wurde nachgefragt, es durfte gelacht werden, und es wurde etwas Ehrliches gesagt. Der Ort und die Dauer sagen dagegen wenig aus.
Das erlebe ich sehr häufig, besonders bei Paaren mit Kindern oder in belastenden Lebensphasen. Ein Paar kann ein großartiges Elternteam sein und sich trotzdem als Liebespaar verlieren. Die beiden Rollen brauchen Unterschiedliches: Das Team lebt von Absprachen, das Liebespaar von Begegnung.
Beginnt mit der Übung zu den Paarzeit-Kriterien. Sie dauert zwanzig Minuten und verändert vor allem, worauf ihr achtet. Danach könnt ihr kurze Momente im Alltag bewusst so gestalten, dass eure Kriterien erfüllt sind, statt auf das große freie Wochenende zu warten.
Anna Holfeld – Systemische Paartherapeutin

Über die Autorin

Anna Holfeld

Systemische Paartherapeutin, Mediatorin und Elternbegleiterin mit über 15 Jahren Erfahrung. Anna hat mit der Holfeld Methode über 2.000 Paare begleitet und ist bekannt aus ARD, ZDF und dem Podcast „Apropos Beziehung".

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